Es war der 23. September
2005. Nach intensiver Vorarbeit wurde in Hannover eine
Veranstaltung aufgeführt, die in der Form einmalig sein
dürfte. „Nächtliche Gedanken“ zu Ehren des Schriftstellers
Kurt Morawietz hatte Premiere.
Begonnen hatte alles, als Elke Oberheide und Barbara
Macherius den Exilhannoveraner Marcel Magis ansprachen.
Marcel Magis, der mit Kurt Morawietz befreundet war, regte
an, die Lesungen im Gedenkjahr auch für Gehörlose
zugänglich zu machen und erhielt die Aufgabe, doch ein
Konzept zu erstellen.
Das Konzept kam. Es sah vor, Auszüge aus dem Text
„Nächtliche Gedanken“ lesen und parallel von einer
Gebärdensprecherin vortragen zu lassen. Es wurden vier
Kapitel entworfen, eine kleine Reise durch das Universum,
die zusätzlich durch Tanz und Video unterstützt werden
sollten. Lautlos.
Zuvor herrschte große Unsicherheit. Wie würde ein hörendes
Publikum auf eine nahezu „geräuschlose“ Veranstaltung
reagieren? Was war genau geplant, wie sollten sich die
Teile Tanz, Video und Text zusammensetzen, wie konnte man
sich das, was sich später ereignen würde, genau vorstellen?
Es gab keine Vorbilder, nichts, bei dem man sagen könnte
„das ist wie ...“. Es war ein Sprung ins kalte Wasser.
Der Weg zur Realisation erwies sich als „steinig“. Als
größte Schwierigkeit stellte sich die Suche nach einem
passenden Gebärdensprecher heraus: die Texte wären zu
kompliziert, zu abstrakt, würden die Gehörlosen
überfordern. Teilweise erhielten wir in dieser frühen
Planungsphase nicht mal eine Antwort. Bis Elke Oberheide
auf Wiebke Kögel traf, die von der Idee und dem ganzen
Projekt sofort begeistert war.
Als Sprecher konnte der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst
gewonnen werden, als Tänzer Aikins Hyde, dessen
Bühnenpräsenz atemberaubend sein sollte. Der in der
Videojokey-Szene bekannte fALK Gärtner sollte eine
ungewöhnliche Collage aus Zitaten und Videostücken auf die
Leinwand hinter den Akteuren zaubern.
Wir überspringen einige Monate.
Der Tag der Aufführung.
Das Kommunale Kino in Hannover füllte sich mit ca. 80
Gästen, darunter auch Ursula Morawietz.
Der Raum verdunkelte sich, es wurde still. Ein
„Stecknadelfallmoment“. Es fiel keine.
Nach einer intensiven Stunde war alles vorbei. Es hatte
alles funktioniert, selbst der zuvor kritische Alban
Nikolai Herbst zeigte sich beeindruckt. Noch lange danach
diskutierten Gehörlose und Hörende, und der Wunsch
entstand, diese Veranstaltung auf jeden Fall zu
wiederholen.