Stilles
Erleben
von
Corinna Luedtke
„Du und ich, wir beide erzählen eine Geschichte vom Wind.“
Mit diesen Worten beginnt die Lesung, die Gehörlose und
Hörende in einen gemeinsamen Erlebnisraum entführen soll.
Du und ich, das sind Wiebke Kögel, Gebärdenpoetin und
Mitorganisatorin, und der Schauspieler Gerd Zietlow als
Sprecher. Auf der Bühne lediglich ein Stehpult für den
Sprecher, im Hintergrund eine große Leinwand. Das Gedicht
„Die Heimkehr“ von Heinrich Heine bildet den Einstieg in
die Geschichte. Einfühlsam von Gerd Zietlow gelesen und
eindrucksvoll von Wiebke Kögel simultan in Gebärdensprache
übersetzt.
Von einer Meerjungfrau ist die Rede, die sich erwärmen will
an einem Menschenbild, denn der Abend ist gar so kalt.
Die Geschichte wird erzählt von einem Raben: „Ich bin ein
Rabe, der sich viele Gedanken macht.“
Gekleidet in einen schwarzen langen Mantel, die dunklen
Haare streng nach hinten gekämmt, die Lippen dunkelrot
geschminkt, übernimmt die Gebärdenpoetin nun die Rolle der
Krähe. Sie erzählt mit bewegter Mimik, mit ihrem Körper und
den Händen. Ihre Finger fliegen und flattern durch die
Luft, sie streichen über und an ihrem Körper entlang.
Zuweilen wird sie von kühlem blauen Licht umgeben, dann
wieder von warmen Rottönen. Faszinierender kann Erzähltes
kaum sein.
Der Rabe beobachtet, wie sich die Welt verändert, er
beobachtet die Menschen, versucht, sie zu verstehen. Er ist
ein Reisender, der die Welt begreifen will. Der Wind ist
sein Verbündeter. Die Geschichten, die er erzählt, werden
von Ort zu Ort getragen. Was der Wind alles kann, zeigt die
Gebärdenpoetin: Er kann zärtlich sein, aber auch wüten und
zerstören.
Die Erzählabschnitte erfolgen im Wechsel mit kurzen
Videofilmen, die von dem Videokünstler Tosh Leykum auf die
große Leinwand projiziert werden. Zum einen werden Bilder
von Meerjungfrauen, Schlingpflanzen, Seepferdchen und
aufsteigenden Wasserblasen gezeigt, die zum Träumen
verleiten. Es gibt aber auch nachdenklich stimmende
Videosequenzen. So fliegt eine Krähe über verwüstete Orte,
die von einem Hurrikan, Blizzard oder Tornado zerstört
wurden.
Die Filme werden nicht mit Musik oder Geräuschen untermalt;
sie „erzählen“ für sich.
Dabei ist es still im Saal. Aber die Stille ist nicht
einfach nur still. Sie ist angefüllt mit einer besonderen
Atmosphäre: Gehörlose und Hörende erleben gemeinsam. Das
Gefühl des gemeinschaftlichen Erlebens macht diese
Veranstaltung zu einem außergewöhnlichen Ereignis.
Wohin die Suche und der Wind den Raben treiben und was er
letztlich (wieder-)findet, wird hier nicht verraten. Doch
so viel: es hat mit einem Lächeln zu tun. Ein Lächeln, das
auch auf dem einen oder anderen Gesicht im Publikum zu
sehen ist.
Am Ende der Veranstaltung Applaus: Die Hörenden
applaudieren, die Gehörlosen klatschen nicht, sie strecken
ihre Arme in die Höhe und „wedeln“ mit ihren Händen. Am
Ende betreten auch Marcel Magis und Tosh Leykum die Bühne.
Der Applaus schwillt wieder an. Als der Autor die Bühne
verlässt, streckt auch er seine Hände in die Höhe und dreht
sie zum Dank hin und her.
Dieser Aufführung ist zu wünschen, dass sie noch viel
Aufmerksamkeit bekommt.